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M A R I E N F R I E D "Ich will mit dir beten" Pilgerreise zum Marienerscheinungsort Marienfried (Teil 1) VON MARTIN WILLING
Das Gnadenbild von Marienfried. In Pfaffenhofen, einem kleinen Ort unweit von Ulm, ist Hans Rueß gut im Geschäft. Er besitzt ein Sägewerk und ist von früh bis spät im Betrieb. Die Erziehung seiner Kinder überlässt er Helene, seiner Frau. Die Familie nimmt am Leben der St.-Martin-Pfarrei regen Anteil. Der Gottesdienstbesuch am Sonntag ist für sie selbstverständlich. Bärbel, eines ihrer sechs Kinder, gerät in den 30er-Jahren unter ihren Schulkameradinnen in eine Außenseiterrolle. Weil sie dem BDM, dem „Bund Deutscher Mädchen“ nicht beitritt, wird sie verspottet.
Die Seherin von Marienfried: Bärbel Rueß. An den Wochenenden fährt sie regelmäßig heim nach Pfaffenhofen. Bei einem Spaziergang durch ein Waldstück verliert Bärbel, inzwischen fast 16 Jahre alt, ihren Rosenkranz, was sie zunächst nicht bemerkt. Sie sucht ihn eine Woche später, am Pfingstmontag, und geht den gleichen Weg. Während sie überlegt, ob sie derweil den „glorreichen“ oder „freudenreichen Rosenkranz“ beten soll, begegnet ihr, so berichtet Bärbel Jahre später, eine „einfach gekleidete Frau“. Die Frau sagt: „Du überlegst, welchen Rosenkranz du beten sollst. Ich will dich einen anderen Rosenkranz lehren und mit dir beten“. Bärbel ist verblüfft, dass die Frau weiß, was sie gerade gedacht hat, und erfährt von ihr den „Immaculata-Rosenkranz“ („Durch Deine Unbefleckte Empfängnis rette uns ... schätze uns ... leite uns ... heilige uns ... regiere uns!“). Das Mädchen behält diese
Begegnung, die sie noch nicht einschätzen kann, zunächst für sich, schließt
in den nächsten Jahren die Schule mit der Mittleren Reife ab, arbeitet im
Haushalt eines Brauereibesitzers, ein halbes Jahr als Straßenbahnschaffnerin
in München, um den pflichtgemäßen Reichsarbeitsdienst abzuleisten, und
schließlich wieder im väterlichen Unternehmen. Am 25. April 1946 - die Amerikaner sind knapp ein Jahr zuvor in das unzerstörte Pfaffenhofen einmarschiert - sucht Pastor Humpf, begleitet von Anna und Bärbel, auf einem Hügel am Waldrand nach einer passenden Stelle für die Marienkapelle, die die Gemeinde nun bauen will. An einem Traubenkirschbaum befestigt Anna ein Schönstatt-Madonnenbild, und die Drei beginnen, Brennesseln und anderes Unkraut rund um den Baum zu jäten. Plötzlich, so berichten die beiden Augenzeugen, richtet sich Bärbel auf. „Da hat jemand gerufen!“ Sie geht auf ein Gebüsch zu und sieht dort dieselbe Frau, die ihr damals bei der Rosenkranzsuche begegnet ist. Bärbel spricht mit ihr, und die beiden anderen - vier Meter von ihr entfernt - hören Bärbel sprechen. „Was hat Bärbel denn?“ fragt der Pastor seine Schwester. „Sie sieht etwas, was wir nicht sehen“. „Ihr habt sie doch auch gesehen?“ fragt Bärbel nach der Begegnung. „Nichts haben wir gesehen“, antwortet Anna. „Aber da an der Stelle, da ist sie doch gestanden“, sagt Bärbel und zeigt auf die Stelle. „Ich sehe doch keine Gespenster. Und sie hat ja auch zu Euch etwas gesagt.“ - Was denn?“ - „Der Friede Christi sei mit euch und mit allen, die hier beten“. Pastor Humpf lässt sich berichten, was die Frau gesagt hat, und kommt zu einem Schluss, der sein weiteres Leben bestimmen wird: Solche Aussagen „passen für niemanden anderen als für die Mutter des Herrn“. Bärbel ist verwirrt und glaubt das zunächst nicht. Die 22-Jährige fürchtet, geisteskrank zu sein oder zu werden, und wehrt sich dagegen, „anders zu sein als andere“. Einen Monat später, am 25. Mai 1946, folgt sie dennoch einem inneren Ruf, die Stelle erneut aufzusuchen; die etwas ältere Anna begleitet sie. Am Traubenkirschbaum, wo das Madonnenbild hängt, sieht Bärbel, wie sie später berichtet, einen Engel, der auf „die Stelle“ zeigt, und dort steht „die Frau“, diesmal weiß gekleidet. „Die Haare waren dunkel und in der Mittel gescheitelt, die Augen waren auch dunkel. Es war ein so schönes Leuchten in ihren Augen und ihrem ganzen Gesicht, so eine Klarheit, Reinheit und Güte“. Bärbel gibt am selben Tag, unmittelbar nach dem Ereignis, ohne zu stocken oder zu überlegen, die lange Ansprache „der Frau“ wieder, die sie nun „Maria“ nennt. Pastor Humpf stenografiert mit, was Bärbel berichtet. Er hört die Botschaft der „großen Gnadenvermittlerin“, apokalyptische Ankündigungen und den Sieg des „Friedenskönigs Christus“, wenn die Menschen „ihre sündigen Herzen“ durch „mein unbeflecktes Herz“ ersetzen. Und
noch etwas geschieht an diesem Tag. Bärbel soll, so hat ihr die Frau
aufgetragen, auf den Kellerberg unweit von Pfaffenhofen gehen. „Dort ist
ein Mann in größter Not. Schicke ihn hierher“. Die junge Frau macht sich
auf den Weg, trifft auf dem Hügel einen lebensmüden Mann, der unter seinem
Rock einen Strick versteckt. „Was versteckst du da?“ - „Kannst du mir
helfen?“ fragt der Mann verzweifelt. - „Nein, aber ich führe dich an
einen Ort, wo dir geholfen wird“. Der Mann lässt sich wie ein Kind zu dem
Traubenkirschbaum führen, wo sich Bärbel von ihm trennt. Am Abend, als Bärbel
noch einmal den Bildstock aufsucht, liegt dort der Strick. In ihrer Passions-Ekstase - Gründonnerstag 1948 - hat sie ein schreckliches Erlebnis: Sie wird mit einem Trick in ein Auto gelockt, entführt und in einen kalten Keller gesperrt, wo einige Männer gestohlene, offenbar konsekrierte Hostien vor ihren Augen bespucken, verhöhnen und zerreiben: „Das ist dein Gott!“ Bärbel wird entkleidet und mißhandelt. Eine Hostie wird mit irgendeinem Gift beträufelt; zum Beweis des Giftes wird es einer Katze eingeflößt, die daran stirbt. Ein Hund wird herbeigeholt, und Bärbel wird vor die Wahl gestellt, entweder eine der vergifteten Hostien zu schlucken oder zuzusehen, wie der Hund sie frisst und zu Grunde geht. Bärbel kommuniziert die Hostie und verliert ihr Bewusstsein. Als sie wieder erwacht, trägt einer der Männer sie aus dem Kellergefängnis heraus und fährt sie zu dem Ziel, das sie angibt. Am nächsten Morgen, eine
halbe Stunde bevor die Glocken in Pfaffenhofen zu läuten beginnen, wacht Bärbel
Rueß in der Marienkapelle auf, die die Gemeinde in Erfüllung des Gelübdes
errichtet hat und die einen Monat später eingeweiht wird. © MARTIN WILLING |
| * Berichte und Reportagen von Pilgerreisen in Europa und nach Israel von Delia Evers und Martin Willing. Wenn Sie nur diese Seite sehen, gelangen Sie mit dem Klick auf "START" zur Website von Delia Evers / Martin Willing und damit zur Vorabveröffentlichung der ersten beiden Teile der Autobiografie.. |
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