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M A R T I N W I L
L I N G
Der Streik (6)
Nachklänge und
Reaktionen
Über
die Demonstration und Kundgebung der "Leserinitiative Rheinische
Post" am 29. November 1980 erschien ein kurzer Artikel in der Gelderner
Lokalausgabe, dessen Autor sich hinter dem Kürzel "e.b."
("Eigenbericht) versteckte.
Ich selbst hatte, da ich unmittelbar
betroffen war, an der Gemeinschaftsaktion nicht teilgenommen und sah von ihr
nur die Bilder abends im Fernsehen.

Der Wachtendonker
FDP-Politiker Franz-Hermann Gomfers - hier links im Bild neben Klaus
Sadowski (Kevelaer) und den Bundespolitikern Irmgard Adam-Schwätzer und Hans-Dietrich Genscher (r.) im
Jahr 1982 - schaltete sich in die öffentliche Streik-Diskussion ein. Foto:
Delia Evers
Über den dürftigen RP-Bericht, der
nach der Demonstration erschienen war, schrieb der Wachtendonker
Kommunalpolitiker Franz-Hermann Gomfers an die Düsseldorfer Zentrale:
"Wenn der Chef sämtlicher Lokalausgaben der RP, Horst Morgenbrod, - dessen Liebe zum Niederrhein niemand in Abrede stellen kann - sich eigens ins Gelderland bemüht, um ein Ereignis zu kommentieren (und leider auch herabzuspielen), das seit 14 Tagen von Funk und Fernsehen aufgegriffen wird, muss schon etwas dran
sein."
Gomfers fuhr fort:
Was der Autor (der allzu bescheiden seinen Artikel mit e.b. unterzeichnet) allerdings
verschweigt: dass hiermit zum erstenmal (und wahrscheinlich letztenmal) zu Vorgängen Stellung genommen wird, die nicht nur einmalig in der Geschichte des deutschen Journalismus sind, sondern auch die Interessen der Leser dieser Ausgabe in besonderem Maße berühren. Eine Leserinitiative einer Zeitung, aus Mitgliedern aller etablierten und nicht etablierten Parteien, hat sich in seltener Einmütigkeit zusammengeschlossen, nicht etwa um den Kopf eines Redakteurs zu fordern, sondern um ihn zu erhalten.
Es war schon eine eindrucksvolle Versammlung einer breiten Leserschicht, die sich zusammengefunden hatte, um auf eigene Kosten ein Flugblatt mit einer Auflage von 30.000 Exemplaren zu drucken und im ganzen Gelderland verteilen zu lassen und zu einer Kundgebung aufzurufen.
Die gesamte Veranstaltung dauerte übrigens von zwölf bis zwei und an ihr nahmen laut WDR ca. 300 Personen teil. Die meist "jüngeren Teilnehmer" waren nur die Spitze jenes Eisberges, der sich aus gestandenen Kommunalpolitikern reiferen Alters zusammensetzte.
Jeder Journalist müsste sich eigentlich über die Einsatzbereitschaft von Lesern freuen, die bei Schnee und Kälte durch die Straßen ziehen, um für die Freiheit der Presse in unserem Lande zu demonstrieren. Nicht anders sollte diese Demonstration verstanden werden.
Der nächste "JU-Treff" der Jungen Union
des Stadtverbands Geldern am 5. Dezember 1980 wurde zu einer
Gemeinschaftsveranstaltung mit dem CDU-Ortsverband Geldern erweitert. Es
ging um das Thema "Innere Pressefreiheit". Die Partei hatte mich
als Referenten eingeladen. Für den 8. Dezember wurde "Der 'Fall Martin
Willing'" auf einer Mitgliederversammlung des Pressevereins
Niederrhein-Ruhr behandelt, dem ich als Mitglied angehörte. Ich wurde durch
den Vorsitzenden Hans-Peter Schmidt gebeten, meine Position selbst zu
schildern.
Unterdessen
rappelte es in den Briefkästen der Düsseldorfer Zentrale. Wieviele Briefe
mit Protesten und Abbestellungen die Rheinische Post in diesen Tagen
erhielt, wurde nie bekannt. Es müssen viele gewesen sein. Nicht wenige der
Absender schickten mir als dem Hauptbetroffenen Durchschläge ihrer
Schreiben und später auch Kopien von den Antworten.
Diese Vertraulichkeit schütze ich auch 30
Jahre danach. Die Antwortschreiben der unterschiedlichen RP-Vertreter in
hohen Positionen waren ähnlich aufgebaut und inhaltlich übereinstimmend,
so dass ein Zitat genügen kann:
Für die Verantwortlichen in Verlag und Chefredaktion steht die menschliche und berufliche Qualifikation und Integrität von Herrn Willing außerhalb von jedem Zweifel. Unsere Beurteilung stimmt mit Ihrer Stellungnahme überein, wobei auch sein überzeugtes persönliches Engagement für die Werte und Inhalte, denen sich unsere Zeitung verpflichtet weiß, ihn als befähigten Redaktionsleiter
auswiesen.
Der Verlag sei, so das übereinstimmende
"Aber" in allen Antwortschreiben, in "Zugzwang" geraten.
Die "Raison in einem großen Verlagshaus" verlange "die
Einhaltung fester Normen".
Am
dritten Adventssonntag des Jahres 1980 predigte Pfarrer Volker Raettig von
der evangelischen Gemeinde in Kevelaer über das Sonntagsevangelium (Lk
3,1-14). "Was für ein Mut! Liebe Gemeinde, was für eine Faszination! Mitten im Advent: der Rufer in der Wüste, der Prophet, Johannes der Täufer!"
Gegen Schluss seiner Predigt sagte Raettig:
Ich möchte mir so gerne den Mund verbrennen - und habe doch Angst davor. Denn den Mund verbrennen - das schmerzt.
Der Chefredakteur der Lokalredaktion der Rheinischen Post ist ein Beispiel dafür. Seine Beiträge waren kritisch, waren offen und ehrlich, waren mutig. Strahlten eine heilsame Unruhe aus. Er war es, der die Rubrik 'Die gute Nachricht' einführte; Er war es, der endlich den Mut hatte zu sagen, beim Namen zu nennen, was da eigentlich gemacht wird mit unserer Jugend - bei Miß-Wahlen am Niederrhein. Wie Menschen zu Objekten degradiert werden, zu Lust-Objekten im Rahmen einer Fleischbeschau.
Erschütternd und peinlich zugleich waren viele der Leserbriefe; tiefend von doppelter Moral!
Martin Willing (- wenige Meter von hier wohnend -) war auch den Anliegen unserer Gemeinde aufgeschlossen.
Er mußte gehen, wurde gefeuert.
Ja, so geht es denen, die sich den Mund verbrennen. So geht es den Rufern in der Wüste!
Es war mir nicht recht, in einer Predigt
vorzukommen, aber dankbar nahm ich auf, dass viele Menschen nicht einfach
zur Tagesordnung übergingen und mich durch ihren Zuspruch stärkten.
Der war nötig, jedenfalls mehr als mein
nach außen gefestigtes Auftreten vermuten ließ. Vielleicht hatte ich in
diesen Tagen infolge der Aufregungen einen Hörsturz erlitten, denn nun war
eine böse Geräuschkulisse in meinen Ohren meine ständige Begleiterin.
Niemand kannte damals den Begriff Tinnitus. Mein Hausarzt war
hilflos, der Nervenarzt, zu dem er mich schickte, so nutzlos spezialisiert,
dass er nichts herausfand und wohl froh war, als ich die Behandlung abbrach.
Erst als ein dritter Arzt eine Computertomografie veranlasste und das
Ergebnis beruhigend ausfiel ("Er hat nichts im Kopf"), machte ich
meinen Frieden mit den ständigen Nebengeräuschen in den Ohren.
Schließlich behandelte ich mich
erfolgreich selbst: Tinnitus, so kokettiere ich seitdem gerne, ist sehr gut
heilbar, indem man ihm seine Anwesenheit verbietet und ihn ignoriert. Schon
bald wird er leiser, bis er nicht mehr wahrgenommen wird - so jedenfalls
meine Erfahrung.
Gut tat Delia Evers und mir auch ein Wort
des Kevelaerer Bürgermeisters gegen Ende der Ratssitzung vom 17.
Dezember. In der Niederschrift hieß es:
Zum Schluß der öffentlichen Sitzung bedankte sich Herr Bürgermeister Dingermann im Namen der Stadt bei den Einwohnern für das gezeigte Interesse an der Kommunalpolitik und bei der Presse für ihre Berichterstattung. Dabei galt sein besonderer Dank den ehemaligen Pressevertretern der Rheinischen Post, Herrn Willing und Frau Evers, denen er gleichzeitig für den weiteren beruflichen Werdegang alles Gute wünschte.
Am
29. Dezember teilte ich dem Vorsitzenden der Konrad-Adenauer-Stiftung in St. Augustin, Bundesminister a.D. Dr. Bruno Heck,
unter Bezug auf die Vorgänge in der Gelderner RP-Redaktion, die von der
Konrad-Adenauer-Stiftung mit einem Preis ausgezeichnet worden war, mit:
Der Preis ist für zurückliegende Arbeit verliehen worden; deshalb sind und bleiben Frau Evers und ich Preisträger der Konrad-Adenauer-Stiftung. Uns ist jedoch der Gedanke, daß diese zerbrochene Redaktion auch künftig als
vorbildlich in Fachkreisen geschildert wird, unerträglich. (...) Aus diesem Grund haben Frau Evers und ich uns entschlossen, den geldlichen Anteil des Preises
weiterzureichen.
Bruno Heck antwortete mit einem Adenauer-Zitat: "Nehmen Sie die Menschen, wie sie sind, es gibt keine anderen".
Wir überreichten am 5. Februar 1981 auf
einer gemeinsamen Mitgliederversammlung der Lebenshilfe Gelderland und der
Aktion St. Nicolaus im alten Rathaus Kevelaer unser Preisgeld - zweimal tausend Mark - für den Aufbau einer Frühförderstelle in
Kevelaer. Es war die erste Spende für die später so segensreich wirkende
Frühförderstelle.
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