Nuntii Martini - Werkstatt der Publizisten Delia Evers und Martin Willing mit Maler-Atelier

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1 2 5    J A H R E   S A N K T   L U D G E R U S   N O R D E N
Vom "armlichen Bethsaal" in Norden
bis zur Pfarrkirche St. Ludgerus

Entwicklung einer Gemeinde im Kontext der Geschichte Ostfrieslands
(bis 1885)

VON MARTIN WILLING

St. Ludgerus Norden. Foto: Martin WillingDie katholische Pfarrkirche in Norden steht im Zentrum der Küstenstadt und doch nur am Rand. Im Geschäftsleben würde man von "1-B-Lage" sprechen: nicht schlecht, aber nicht erste Wahl. Wer fremd ist in der Gegend, braucht die Hilfe eines Stadtplans oder Wegbeschreibers, um das katholische Gotteshaus an der Osterstraße zu finden. Die Bebauung ist zu dicht und der Kirchturm zu schmächtig, als dass er wie ein Leuchtturm die Richtung anzeigen könnte. 

Die katholische St.-Ludgerus-Kirche in Norden. 
Foto: Martin Willing

Zwar führen nicht alle Wege nach Rom, aber alle zum Marktplatz in Norden, dort wo die prächtige Ludgeri-Kirche steht, die - das Langhaus wurde Mitte des 13. Jahrhunderts gebaut - bis ins 16. Jahrhundert ein katholisches Gotteshaus war und während der reformatorischen Umbrüche von den Katholiken aufgegeben werden musste. Sie wurde - und ist es bis heute - das Zentrum der evangelisch-lutherischen Ludgeri-Kirchengemeinde. 

Die Katholiken im Norderland, die nach der Kirchenspaltung erleben mussten, wie ihre Heimat für sie zur Diaspora wurde, entwickelten sich rückwärts zu einer hoffnungslosen Minderheit. 

Die Ludgeri-Kirche war für sie verloren und die zweite katholische Kirche in Norden, die große Andreas-Kirche in Nachbarschaft zu Ludgeri, gab es nicht mehr. Dem durch Naturgewalten bereits erschütterten Gotteshaus hatten Brandstifter während der regionalen Häuptlingskämpfe (1531) den Rest gegeben. 

Rund 300 Jahre dauerte die Zeit, in der die kleine, verstreute Gemeinde der Katholiken wieder Fuß fasste und ein kirchliches Zentrum in Form einer eigenen Pfarrkirche bekam. Am 20. Oktober 1885 wurde die St.-Ludgerus-Kirche geweiht. 

Ludgeri-Kirche Norden. Gemälde von Martin WillingEin solches Doppelpatronat in ein und derselben Kleinstadt ist selten. 

Martin Willing, Die evangelisch-lutherische Ludgeri-Kirche in Norden, Öl auf Leinwand, 80 x 120 cm.

Sowohl die evangelisch-lutherische, als auch die katholische Pfarrkirche tragen den Namen des heiligen Liudger. Das zweifache Patrozinium war naheliegend und zufällig zugleich: Die Lutheraner hatten mit dem heiligen Liudger kein Problem, und die Katholiken, die 1885 ihre neue Pfarrkirche finanziert bekamen, erfüllten gerne den ausdrücklichen Wunsch des Wohltäters Josef Hötte, das Gotteshaus dem ersten Bischofs von Münster zu widmen. Der Pelzhändler stammte aus Münster und war dem heiligen Liudger besonders eng verbunden.   

Heiliger Ludger. Foto von Martin WillingMit der Wahl ihres Pfarrpatrons trafen die Katholiken an der Küste ins Schwarze. Liudger, um 742 in Utrecht geboren und 809 in Billerbeck gestorben, war Friese wie sie. Unter Kaiser Karl dem Großen im Jahr 787 zum Missionsleiter ernannt, wirkte der gelehrte Priester zunächst in Friesland und legte hier - zusammen mit Willehad und Wiho - Spuren des Christentums. 

Heiliger Liudger, dessen kirchlicher Festtag der 26. März ist. Skulptur in der Pfarrkirche St. Ludgerus Norden. 
Foto: Martin Willing

Seine bedeutendste Leistung war die Gründung des Missionsbistums Münster, das mit Liudgers Bischofsweihe am 30. März 805 eingerichtet wurde. Bei den Friesen erfreute sich Liudger als Missionar hoher Wertschätzung, besonders weil man sich von Generation zu Generation erzählte, dass der Missionar durch Worte überzeugen wollte und "Bekehrung" mit Hilfe des Schwertes ablehnte. Liudgers Kooperation mit Karl dem Großen, den er 798 auf einem Feldzug begleitete, wirft allerdings einen Schatten auf seinen Ruf, ausschließlich mit friedlichen Mitteln missioniert zu haben. 

Für Liudgers Missionierung in friesischen Landen hatte der angelsächsische Prediger Willehad (745 in England geboren) den Boden bereitet. Ab etwa 770 zog Willehad durch Friesland und bemühte sich, den Menschen die christliche Religion näher zu bringen. Willehad erhielt 787 seine Bischofsweihe - acht Jahre vor Liudger - und wählte Bremen als Bischofssitz. Nach nur wenigen Tagen im Amt starb der später heilig gesprochene Willehad im Alter von 44 Jahren. 

Etwa zeitgleich mit Willehad und Liudger wirkte ein dritter Missionsbischof bis ins Land an der Küste hinein: Wiho, 772 in Friesland geboren, wurde von Kaiser Karl dem Großen als erster Bischof des Bistums Osnabrück eingesetzt. Auch er übte dieses Amt nur kurze Zeit aus. Wiho, wie Liudger und Willehad heilig gesprochen, starb bereits 804 (oder 805) in Osnabrück, wenige Jahre nach Karls Entscheidung, Osnabrück zum Mittelpunkt des neuen Bistums zu bestimmen.

Die drei Heiligen Willehad, Wiho und Liudger sind in Norddeutschland häufig zu Kirchenpatronen gewählt worden - allein im Bereich der neuen Pfarreiengemeinschaft Küste vier Mal: Esens (St. Willehad), Hage (St. Wiho) sowie Norden und Norderney (St. Ludgerus).

Die Abkehr der Ostfriesen von heidnischen oder naturreligiösen Gebräuchen und ihre Hinwendung zum Christentum waren dank der intensiven Vorarbeit unter Willehad, Wiho und Liudger schon zur ersten Jahrtausendwende eine abgeschlossene Erfolgsgeschichte. In dem halben Jahrhundert bis zur Reformation blühte christliches Gemeindeleben auch in der zuvor heidnischen Küstenregion auf, wovon viele Dorf- und Stadtkirchen, die in jener Zeit entstanden, Zeugnis ablegen. 

Mit dem großen Schisma als Folge der reformatorischen Bemühungen durch Martin Luther (1483 - 1546) legte sich die von Rom abgetrennte neue Konfession übers Land und erfasste alle Ortschaften. 

Es war die Zeit des Wechsels vom Hoch- zum Spätmittelalter. Deutschland war noch kein Nationalstaat, aber seit der Kaiserkrönung von Karl dem Großen durch den Papst in Rom (800) ein Verbund von Staaten - das Heilige Römische Reich Deutscher Nation, dessen Geschichte bei diesem großen Kaiser begann und mit dem Untergang der beiden Königsdynastien Hohenzollern und Habsburg endete - im 20. Jahrhundert.

Bis 1452 wurden die deutschen Kaiser vom Papst im Vatikan gekrönt. Als Gegenleistung für die Auszeichnung Kaiser von Gottes Gnaden garantierte Deutschland dem Papst und seinem Kirchenstaat den Schutz der größten und bedeutendsten Staatsmacht auf dem europäischen Kontinent. Diese enge Verknüpfung des deutschen Kaisertums mit dem Vatikan lockerte sich im Spätmittelalter. Ab 1508 erwählten die Kurfürsten ihren Kaiser und statteten ihn selbst mit der Macht aus. Der Kaiser trug nun den Titel Erwählter Römischer Kaiser.

An der Schwelle vom Hoch- zum Spätmittelalter verloren immer mehr Adelshäuser ihre regional begrenzte Macht an einige wenige, landhungrige Eroberer, die sich mit ihren Truppen ein Regionalreich nach dem anderen einverleibten und dabei den schwindenden Einfluss des deutschen Kaisers für sich nutzten. Es waren ein paar Dutzend Adelshäuser, die nun ausgewachsene Länder besaßen, über die sie Landeshoheit ausübten und mit dieser Landeshoheit die höchste Gewalt nach der des Königs oder Kaisers im Reich personifizierten. Das System funktionierte, weil beide Parteien sich gegenseitig brauchten: Der Kaiser war schwach, verkörperte aber den Staat; die Landesherren waren militärisch stark, verfügten aber nicht über Staatsautorität. 

Seit der Reformation (1517) zündelte es allerorten, und ein Jahrhundert der Religionskriege bahnte sich an. Karl V., Kaiser im mächtigsten Reich, das je auf europäischem Boden existiert hat, konnte sich ein friedliches Nebeneinander von Katholiken und Andersgläubigen nicht vorstellen. Karl war maßlos enttäuscht vom Konzil zu Trient und vom Religionsfrieden, der in Augsburg 1555 geschlossen wurde. Was dort entschieden wurde, die Zulassung protestantischer Glaubensausübung überall dort, wo auch der regionale Herrscher diesen Glauben hat, war für Kaiser Karl unannehmbar. 

Über den Augsburger Reichs- und Religionsfrieden war Kaiser Karl V. so entsetzt, dass er zu Gunsten seines Bruders Ferdinand I. auf den Thron verzichtete und sich in ein Kloster zurückzog. 

Bei der Verteilung der Macht wurde Karls Sohn Philipp u.a. mit den Niederlanden und  mit Spanien bedacht. Als König Philipp II. regierte er sein beachtliches Reich von Madrid aus, weshalb die Niederlande Spanische Niederlande genannt wurden. Ab 1568 kämpften die Niederländer in einem schließlich 80-jährigen Freiheitskrieg, dessen Endphase zum europaweiten 30-jährigen Krieg ausartete, gegen die spanische Krone an. 

Um den Repressionen in den spanischen Niederlanden, wo unter den katholischen Königen jede Ausdehnung des Protestantismus mit brachialer Gewalt unterdrückt wurde, zu entgehen, setzten sich Tausende Glaubensflüchtlinge nach Emden und in die seit 1464 selbstständige Grafschaft Ostfriesland ab. Zwar standen sie dort noch immer unter dem Einfluss des Herrschaftssystems des deutschen Kaisers, aber in Ostfriesland waren sie außerhalb der Reichweite der spanischen Truppen. Besonders Emden profitierte von dem Exodus der Glaubensflüchtlinge enorm: Hier entwickelte sich, dank der Fertigkeiten der Zuwanderer, einer der bedeutendsten Großhäfen in Europa. Die besondere Prägung Ostfrieslands als eine der protestantischen Hochburgen in Norddeutschland hat hier ihren Anfang genommen. Emden erreichte obendrein politisch eine Sonderstellung: 1595 wurde die Stadt, bestätigt durch den deutschen Kaiser, steuerrechtlich unabhängig von der Grafschaft Ostfriesland. 

Mit dem Friedensschluss von Münster und Osnabrück (1648) fand der 30-jährige Krieg sein Ende. Die Niederlande waren nun ein völkerrechtlich anerkannter Staat. Die Epoche der Religionskriege war abgeschlossen. 

In Ostfriesland, das im Windschatten der großen Machtblöcke lag, hatte sich evangelisches Leben leichter als in den heutigen Niederlanden, wo die spanische Krone den Katholizismus mit Waffengewalt verteidigte, entwickeln können. Auch als es ungefährlich geworden war, eine andere Konfession zu haben als der zuständige Landesherr, wuchs die Zahl der Katholiken im gesamten Ostfriesland kaum über 400 hinaus. In einigen Orten, so auch in Norden, dürften im 17. Jahrhundert sogar nur rund ein Dutzend Katholiken gelebt haben. Unter den alteingesesssenen Bürgern fand sich kaum ein Katholik. Katholisches Leben bestand für lange Zeit darin, dass hin und wieder die kleine Herde die Sakramente empfangen konnte, wenn sich ein Pater ins Missionsgebiet aufgemacht hatte. Und selbst diese wenige Messfeiern mussten im Geheimen geschehen, weil die Behörden sie verboten hatten.

Hedwig Oriana von Frydag/GödensWie eine Insel in rauher See muss die katholische Minderheit an der Schwelle zur Neuzeit Schloss Lütetsburg empfunden haben. Der Adelssitz am Rand des Hager Dorfkerns war durch einen Zufall zu einer Missionsstation und damit zum Zentrum der Katholiken in dieser Region geworden. 

Hedwig Oriana von Frydag/Gödens
auf Schloss Lütetsburg. 

Bild: Festschrift 100 Jahre 
St.-Ludgerus-Gemeinde Norden (1985), S. 18

Als der reformierte Reichsfreiherr Dodo zu Inn- und Knyphausen sich verheiratete, ließ sich seine Frau Hedwig Oriana von Frydag/Gödens vertraglich zusichern, dass sie in der Ausübung ihrer katholischen Religion durch nichts behindert werde. Heinz Foraita zitiert in seiner "Geschichte der katholischen Gemeinde in Norden" zum 100-jährigen Kirchweihfest von St. Ludgerus (1985) aus dieser Vertragsurkunde, dass die Gräfin...

"(...) in ihrer römischen katholischen Religion, bei währendem Ehestande, unangefochten, ohne einige molestation (irgendwelche Behinderung) und Betrübung soll gelassen werden und derselben freistehe, ihre Haushaltung also aufzustellen und zu dirigieren, daß dieselbe an Fest-, Feier- und Bettagen, vorgedachter Religion gemäß, nach ihrem Belieben leben und dero devotion (Andacht) abwarten könne, und ferner so viele Domestiken von ihrer Religion anzunehmen, zu erwählen und jederzeit zu halten, als sie, ihrem Stande gemäß und zur Aufwartung ihrer Person für nötig befinden wird. Es verpflichtet sich auch der Bräutigam, auf seiner künftigen Gemahlin Begehren allezeit derselben einen römisch-katholischen Priester – aus welchem Orden sie begehren wird – im Hause, wo sie sich wird aufhalten, zu halten gestatten und durch denselben das exercitium (Ausübung) ihrer katholischen römischen Religion wie auch alle sacramenta, nach dero Gebrauch und manier sowohl ihr als ihren Domestiken und Advenis (Gäste, Besuch) in einem absonderlichen (besonderen) und dazu aptierten (geeigneten) Salett (kleiner Saal) oder Cammer administrieren und dienen zu lassen; welcher Priester an ihrer gemeinsamen Tafel gespeist und jährlich von dem Herrn Bräutigam über dem (außerdem) mit einem salario (Entlohnung) von 50 Rthl. erhalten werden soll.“    

Fortan verrichteten auf dem Schloss Pater ihren priesterlichen Dienst für eine kleine, aber wachsende Gemeinde. Ende des 17. Jahrhunderts gehörten zu der Vorläuferin der Pfarrei St. Ludgerus rund 300 Katholiken, verstreut lebend in einem größeren Umkreis. Von einem sich frei entfaltenden katholischen Gemeindeleben konnte allerdings auch dann nicht die Rede sein, als der nächste Hausherr auf Schloss Lütetsburg, Ferdinand von Knyphausen, die Erlaubnis erteilte, "wieder freyen Gottes Dienst in der Herrlichkeit halten zu dürfen". Verschwiegene Gottesdienste, gefeiert in einer privaten Kammer, waren nun zwar erlaubt, aber innerhalb von drei Monaten nur zwei Mal. Alles, was den Reichtum katholischen Lebens ausmacht, blieb - bis auf die Messfeier selbst - verboten. 

Pater Michael Klümper, der von 1717 bis 1727 in Norden wirkte, begründete - von Lütetsburg aus - eine Missionsstelle in der Küstenstadt, die Paterei und später St. Michael genannt wurde. Die heilige Messe feierte er "bey Rathsherrn Winkebach" auf der großen Neustraße, wo Klümper "ein Zimmer geheuert" hatte, "worin der Gottesdienst ist gehalten worden" (zitiert nach Heinz Foraita a.a.O.). Der Orden des Paters, aber auch das Bistum Münster und niederländische Katholiken unterstützten Klümpers Plan, in Norden ein Grundstück zu kaufen, um die Missionsstelle aus dem Provisorium in eine feste Bleibe zu führen. Politisch stand dem nichts mehr im Wege, seitdem der Norder Stadtrat die freie Religionsausübung zugelassen hatte (1718).

Eine Gleichstellung mit den evangelischen Christen und ihren Rechten war damit noch nicht erreicht. Erst nachdem die freie Grafschaft Ostfriesland an Preußen gefallen war (1744) und Preußens König Friedrich der Große die freie Religionsausübung verfügt hatte (1779), konnten sich in den Diasporagebieten und damit auch in Norden katholische Gemeinden formieren. 

Freilich, auf die Gründung einer selbstständigen Pfarrei musste Norden noch warten. Sie fiel den Norder Katholiken, die trotz der allgemeinen freien Religionsausübung unter widersprechenden Landesverfügungen zu leiden hatten, wie ein Geschenk des Himmels in den Schoß - als angenehmes Ergebnis einer ansonsten beklagenswerten Besatzung: Die Franzosen, die halb Europa überrannt und auch das bereits besetzte Ostfriesland dem Machtbereich von Kaiser Napoleon einverleibt hatten (1810), erklärten die kleine Norder Missionsstation zur selbstständigen Pfarrei, der ein vom Staat bezahlter hauptamtlicher Pfarrverwalter vorstehen sollte. Das in ihrem neuen Machtbereich überall durchgesetzte Prinzip war weniger ein kirchenfreundlicher Akt, als vielmehr der Versuch Frankreichs, auch in Deutschland die Macht der Fürstbischöfe und des Klerus zu brechen und die Kirche unter seine Kontrolle zu bekommen.  

Mit Napoleons Abdankung kam Ostfriesland zunächst zum Königreich Hannover (1815). Die königliche Regierung hob den von den Franzosen eingeführten Pfarrzwang auf. Die Norder Gemeinde blieb Pfarrei und kam 1825 unter das Dach des Fürstbistums Osnabrück, nachdem es Jahrhunderte lang zum Bistum Münster gehört hatte. 1835 fasste Osnabrück alle ostfriesischen Gemeinden zum Dekanat Ostfriesland zusammen. Von dieser Festigung der Pfarrstrukturen versprachen sich die Katholiken auch, dass sie sich gegenüber der evangelischen Mehrheit endlich würden emanzipieren können. 

Ein solches Gefühl, dass sie nach Jahrhunderte langer Unterdrückung und Behinderung erstmals auf gleicher Augenhöhe mit der protestantischen Bürgerschaft in aller Öffentlichkeit auftreten konnten, hatten sie schon 1832 kennen gelernt. Zum ersten Mal seit der Kirchenspaltung durfte in Norden ein Bischof das Sakrament der Firmung spenden. Die Nachricht von der Ankunft des Osnabrücker Weihbischofs Karl Anton Lüpke zog so viele Schaulustige an, dass sich die Polizei genötigt sah, die Sielstraße, an der die kleine, provisorische und als Gotteshaus von außen nicht erkennbare Diasporakirche lag, zu sperren. 

Die erste katholische "Pfarrkirche" in Norden, nach dem heiligen Michael benannt, war laut ihrem Pfarrer Franz-Josef Strieker, der von 1852 bis 1861 hier Dienst tat, kaum größer als zwölf mal sieben Meter und eher ein "ärmlicher Bethsaal zu nennen, in einer Weise unscheinbar und versteckt gelegen, als wenn sich die katholische Gemeinde zu verbergen hätte oder auch nur eine geduldete oder unterdrückte Sekte wäre." Die Gegend war verrufen, und zu allem Elend befand sich in Kirchnähe auch noch ein Bordell. Strieker schrieb an den Bischof in Osnabrück, dass "der Katholizismus in den Augen des nicht katholischen großen Publikums in wirkliche Mißachtung geräth und deshalb die öffentliche Meinung dem Katholizismus fortwährend gleich fremd und abgeneigt bleibt, ... daß auch die Achtung der katholischen Gemeindemitglieder im bürgerlichen Verkehr, wogegen doch auch keiner ganz gleichgültig sein kann, im Allgemeinen mehr oder weniger darunter leidet, versteht sich von selbst; es ist deshalb auch hier ein gangbares Sprichwort: das ist zum Katholischwerden! in der Bedeutung 'arm oder niedrig sein oder werden' ..." (zitiert nach Heinz Foraita a.a.O.).

Damit war das Projekt einer "richtigen" Pfarrkirche zum ersten Mal angesprochen. Pfarrer Strieker hatte zwei mögliche Standorte im Blick - in der Westerstraße und in der Kleinen Osterstraße. Zur Finanzierung schlug er dem Bischof vor, eine Hauskollekte bei den Katholiken in der Diözese zu veranlassen, die tatsächlich in Gang gesetzt wurde: Anfang 1859 zogen Helfer in zwei Großbezirken des Bistums, Aurich und Osnabrück, von Haus zu Haus, um Geld für den geplanten Kirchbau in Norden zu sammeln. 1864 kaufte die Pfarrgemeinde mit maßgeblicher Unterstützung des Bistums (Darlehn) in der Osterstraße ein Grundstück.  

Gebaut wurde ein Pfarrzentrum mit Pfarrhaus, in dem zunächst die heilige Messe gefeiert wurde. Eine "richtige" Kirche blieb mangels Geldes ein Wunschtraum.

Was Josef Hötte, den Münsteraner Großkaufmann mit seinen schier unerschöpflichen Finanzmitteln, der den Bau der katholischen Kirche schließlich finanzierte, mit Norden und der Nordseeküste verband, wurde nie aufgeklärt. Vielleicht war er Feriengast wie so viele. Dann wurde er womöglich beim Besuch der provisorischen Kirche auf das Problem Geldmangel aufmerksam. Oder er hatte von der Hauskollekte in den Bezirken Osnabrück und Aurich gehört. Verwandtschaftliche Beziehungen in den Raum Norden bestanden wohl nicht.

Dass Hötte die Kosten des Kirchbaus übernahm und dafür sorgte, dass die St.-Ludgerus-Pfarrkirche 1885 gebaut werden konnte, kann mit seiner Empörung über die staatlichen Behinderungen der katholischen Kirche während des Kulturkampfs in Preußen zu tun haben. Josef Hötte hatte bereits 1878 Zeichen gesetzt: Fünf Schwestern von der Göttlichen Vorsehung, die nach ihrer Verbannung aus Preußen in Höttes Heimatstadt Münster zurückgekehrt waren, riefen eine "Kleinkinderbewahrschule" (Vorläuferin der Kindergärten) und eine Mädchenschule für Handarbeits- und Nähunterricht ins Leben. Das Ehepaar Josef und Emilie Hötte stellte den Vorsehungsschwestern ein leer stehendes Haus zur Verfügung, kaufte Grundstücke im Umfeld der Schule dazu und brachte alle in eine Stiftung ein - die Josef-Emilien-Stiftung. Sie wurde zur Keimzelle für viele Kindergärten in Münster.

Als in der Stadt Münster 1890 an der Aa ein neues Armenhaus gebaut wurde, stiftete das Ehepaar Hötte dafür die Geldmittel. Das Achatius-Haus in Münster, das sich heute um Senioren und jüngere pflegebedürftige Menschen kümmert, ist eine Betriebsstätte der Haus Heidborn GmbH, die 1976 von der Stiftung Heidhorn ins Leben gerufen wurde, deren Gründer und Stifter Josef Hötte war. Auf seine Familie und ihre Unterstützung geht auch das Altenwohnheim Maria-Hötte-Stift in Münster zurück. Josef Hötte stiftete 1912 zudem die Mittel für das Haus "Josef-Emilien", das Jugendliche, Erwachsene und ältere Menschen bildet und betreut. Josef Hötte, der letzte Nachkomme einer münsterischen Pelzhändlerfamilie, war zudem der wichtigste Mäzen des Landesmuseums für Kunst- und Kulturgeschichte in Münster, das heute vom Landschaftsverband Westfalen-Lippe geführt wird. 

Der  Name Hötte ist im Raum Münster stadtbekannt. Zu ihrem Ehrenbürger ernannte die Stadt ihn allerdings nicht. In der Liste der Ehrenbürger von Münster wird Hötte nicht aufgeführt. Es ist nicht viel, was über den großen Wohltäter der katholischen Gemeinde Norden bekannt geworden ist - nichts über sein Privatleben, fast nichts über sein Unternehmen. Und ein Foto von Josef Hötte scheint auch nicht zu existieren.

Dieser Mann kam spätestens 1885, wahrscheinlich schon 1884, mit Nordens Pfarrer und Dechanten Heinrich Kerstiens ins Gespräch. Nichts ist dokumentiert - weder wie es zum Kontakt kam, noch wie die Gespräche bis zur Unterschrift unter den Vertrag verlaufen sind. Im Februar 1885 besiegelte Hötte durch seine Unterschrift: 

„Der Unterzeichnete erklärt sich hierdurch bereit, für den in der ostfriesischen Stadt Norden von der dortigen römisch-katholischen Gemeinde zu errichtenden Kirchneubau die Summe von 10.000 Mark – sage: zehntausend Mark – unter folgenden Bedingungen herzuleihen...“ (zitiert nach Heinz Foraita a.a.O.)

Das Darlehen war unkündbar und unverzinslich. Die Kirchengemeinde sollte nach Ablauf von zehn Jahren damit beginnen, die Summe abzutragen, „wenn sie dazu in der Lage ist". 

Das Quasi-Geschenk beflügelte das Bauprojekt derart, dass schon am 2. Sonntag nach Ostern des Jahres 1885 Grundsteinlegung war. Am 16. Juli wurde Richtfest gefeiert, die Kirchweihe war am 20. Oktober - an jenem Tag, an dem im Jahr 809 die sterbliche Hülle von Bischof Liudger in sein Kloster nach Werden überführt wurde. Seitdem steht die Pfarrkirche unter dem Patrozinium des heiligen Liudger - so wie es sich der Münsteraner Kaufmann offenbar gewünscht hat. 

Der "Ostfriesische Kurier" meldet zwei Tage nach der Kirchweihe:

„Am 20. d. M. fand die feierliche Konsekration der neuen katholischen Kirche durch den hochwürdigsten Bischof von Osnabrück statt. Schon Wochen lang war die Gemeinde thätig gewesen, der neuen Kirche ein der hohen Feier entsprechendes Festgewand anzulegen und war ihr das in einer mit Rücksicht auf ihre geringen Kräfte bewunderungswürdigen Weise gelungen. Um 7 Uhr früh begann die Konsekration, die um 12 Uhr endete. Darauf celebrierte der hochw. Bischof ein feierliches Pontifikalamt und hielt die ebenso lehrreiche als zu Herzen gehende Festpredigt über die Bedeutung des Gotteshauses. Zum Schlusse wurde ein mit Begeisterung gesungenes Te Deum angestimmt. Am folgenden Tage wurde in der neuen, inzwischen auch im Innern auf das Herrlichste ausgeschmückten Kirche vom hochwürdigsten Bischof 28 Mitgliedern der Gemeinde das Sakrament der Firmung gespendet. Nach der Firmung hielt der hochwürdigste Herr eine Ansprache an die Firmlinge und zum Schluß der Feier abermals an die Gemeinde. Ersichtlich waren die Anwesenden von diesen wahrhaft apostolischen, aus väterlichem Herzen kommenden Worten tief ergriffen und werden diese Worte mit Gottes Gnade in der Gemeinde segensreiche Früchte tragen. Was nun noch die neue Kirche anbelangt, so ist dieselbe als Kreuzkirche im romanischen Style nach dem Entwurf des Herrn Architekten Lütz aus Osnabrück erbaut und von dem Bauunternehmer Herrn v. Hülst hierselbst der Bau ausgeführt. Dieselbe findet allgemeinen Beifall, ist die hohe Freude der Gemeinde und eine Zierde der Stadt und gereicht sowohl dem Herrn Lütz als auch dem Herrn v. Hülst zur Ehre."

Der Tag der Kirchweihe jährte sich im Jahr 2010 zum 125. Mal.

 © MARTIN WILLING


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