*++
M A R T I N W I L
L I N G
Himmlische
Arbeitsbedingungen
Die Zeit bei der
Westdeutschen Allgemeinen Zeitung in WalsumAm 6. April 1964 machte die WAZ Dinslaken
mit "Ein Hoch belebt den Arbeitsmarkt" auf - mit meinem ersten
Artikel als Volontär und damit als angehender Berufsjournalist.
Es war die Zeit, da dieser Beruf noch nicht
verakademisiert war. Früher wurden aufgeweckte Schreibtalente gesucht, die
sich ihr Wissen im Berufsalltag erwerben. Heute müssen Bewerber ihr Wissen
mitbringen und durch Examen nachweisen; erst dann dürfen sie ihre ersten
Zeilen veröffentlichen. Da fallen Talente durchs Raster, und auf den
Planstellen sitzen zuweilen studierte, lausige Formulierer.
Mancher unserer Großen im Journalismus
wäre, müsste er noch einmal starten, chancenlos. Er würde schon beim
Versuch, in den Beruf einzusteigen, aussortiert.
Ein
knappes Jahr lernte ich die Redaktionsarbeit von der Pieke auf unter
meinem Redaktionsleiter Hans Götte und seinem Redakteur Erhard Bruse. Wir
begegneten uns in dem winzigen Büro, das der Redaktion im Hinterhof der
Geschäftsstelle an Dinslakens Hauptgeschäftsstraße überlassen war, in
respektvoller Freundschaft. Götte und Bruse hatten ihre Freude an dem
lernbegierigen, einsatzfreudigen Nachwuchskollegen, und der junge Mann
versuchte, mit Leistung und Loyalität seine Stellung als Dritter im Bunde
zu rechtfertigen.
Gleichwohl gingen meine Ziele über das
hinaus, was ich im Dinslakener Team erreichen konnte. Lokalchef Hans Götte
ahnte das wohl und beauftragte mich - da war ich noch Volontär - mit der
journalistischen Betreuung von Walsum, der zweiten großen Stadt im
Verbreitungsgebiet der Dinslakener Ausgabe. Jetzt hatte ich "mein
Gebiet", und es war mir, als wäre ein Traum in Erfüllung gegangen.
Das Tempo, das ich nun vorlegte, machte mir freilich unter den Kollegen der
drei konkurrierenden Zeitungen in Dinslaken nicht nur Freunde. Gebremst
wurde mein Eifer durch den frühen Redaktionsschluss, den der Fahrplan der
Eisenbahn, die das Material täglich nach Essen transportierte,
vorgab.
Meine Stunde schlug, als der "Duisburger Generalanzeiger" von der
WAZ aufgekauft wurde und das Walsumer Ladenlokal dieser Zeitung schräg
gegenüber denen von NRZ und RP verwaiste. Die WAZ richtete hier ihre
Walsumer Geschäftsstelle ein. Das Zimmerchen, in dem die Redaktion des
Generalanzeigers gearbeitet hatte, blieb leer.
Ich nutzte bei meinen täglichen Besuchen
in der Stadt Walsum das kleine Büro immer häufiger für die Arbeit am
Schreibtisch - im wahrsten Sinne des Wortes als Alleinredakteur: Ich war,
nachdem der Verlag mir einige Monate meiner Ausbildungszeit geschenkt hatte, Redakteur
und allein. Begeistert war mein Lokalchef Hans Götte in Dinslaken über die
Entwicklung zunächst nicht, denn immer seltener ließ ich mich in der
"Zentralredaktion" blicken.
In Walsum konnte ich ohne jede Störung meine
Texte schreiben. Und aus der früher eher sporadischen Walsum-Berichterstattung
entwickelte sich eine tägliche Walsum-Seite, für die ich von der ersten
bis zur letzten Zeile verantwortlich war.
Anfangs fuhr ich noch jeden Nachmittag mit
meinen Manuskripten zur Lokalredaktion in Dinslaken. Weil durch die Fahrerei
mein ohnehin früher Redaktionsschluss noch weiter vorgezogen werden musste
und mir die produktivsten Stunden am späten Nachmittag fehlten, setzten wir
bald ein Taxi ein, dass mein Material abholte und zur Redaktion in Dinslaken
schaffte.
Ich baute mein erstes Zeitungsarchiv
auf: Für jede in der Öffentlichkeit stehende Person legte ich einen
Karteizettel an. Das tabellarisch aufgebaute Personen-Dossier wurde von mir
um neue Informationen ergänzt, und im Laufe der Jahre hatte ich ein
beachtliches Personenarchiv zusammen, das mir bei der täglichen
Berichterstattung gute Dienste
leistete.
Der frühe Redaktionsschluss in Dinslaken,
den ich einzuhalten hatte, wurde schließlich für Walsum aufgehoben. Ich
durfte nun direkt von Walsum aus täglich ein Taxi mit meinem Material nach
Essen schicken und hatte auf einmal Luft bis in den Abend hinein -
himmlische Arbeitsbedingungen für einen engagierten Journalisten, der eine
überaus aktuelle Tageszeitung machen wollte. Die täglich anfallenden
Taxi-Kosten waren weder für den Verlag noch für mich vordergründig
wichtig. Entscheidend war, und daran hatten alle ihre Freude, dass die
Zeitung im Raum Walsum voran kam.
Wilhelm Huch, Pfarrer der Pfarrei St. Josef
in Walsum, stieß auf offene Ohren, als er mir eines Tages vorschlug, eine
wöchentliche Rubrik einzuführen, in der seelsorgliche Gedanken von
Walsumer Geistlichen vorgetragen werden sollten. Auf Huch ging auch der
Titel der Rubrik zurück: Sie hieß "Bedenkliches", so wie die,
die seit 1984 im "Kevelaerer Blatt" veröffentlicht wird. Sie war
die erste ihrer Art im Lokalteil einer Tageszeitung an Rhein und Ruhr.
Viele Jahre danach - es war im Mai 1996 -
meldete ich im "Kevelaerer Blatt", dass Wilhelm Huch im Alter von
66 Jahren gestorben sei. Er hatte zuletzt in der Nähe des Wallfahrtsorts
gewohnt und war Pfarrer der Pfarrgemeinde in Herongen gewesen. Ich erzählte
den Kevelaerer Lesern davon, dass das erste "Bedenkliche" in der
Walsumer WAZ gestanden habe und Wilhelm Huch der Ideengeber gewesen sei. Und
natürlich auch davon, wer den Anstoß gegeben habe, diese Rubrik 1984 im KB
einzuführen: Lothar Friedrich von der Evangelisch Freikirchlichen Gemeinde
Kevelaer.
Die
Walsumer Zeit - sie war ein Bilderbuchstart in den
Journalistenberuf. Nie werde ich meinem - leider früh verstorbenen -
Lokalchef Hans Götte vergessen, dass er mir diesen außergewöhnlichen
Freiraum einräumte, in dem ich mich entfalten konnte.
Bis Ende 1969 blieb ich WAZ-Redakteur für
Walsum. Bauchschmerzen und schlafgestörte Nächte bekam ich, nachdem mich
Horst Morgenbrod von der "Rheinischen Post" davon überzeugt
hatte, dass eine neue berufliche Aufgabe jetzt der richtige Schritt war.
Horst
Morgenbrod, Chef vom Dienst
der Rheinischen Post.
Hans Götte, mein väterlicher Lokalchef, der mich als seinen Nachfolger
gesehen hatte, war betroffen, als ich ihm meine Entscheidung endlich
mitteilte. Zehn Jahre danach, als wir uns privat trafen, fragte er
mich, ob ich meinen Schritt schon einmal bereut hätte. Ich gab eine
ausweichende Antwort, um ihn nicht zu verletzen.
Außer Hans Götte hatte mich während
meiner WAZ-Zeit der Lokalchef der NRZ, Karl Wagemann, tief beeindruckt. Ich
erinnere mich an ein Hintergrundgespräch mit dem Dinslakener Stadtdirektor,
das der Vollblut-Journalist mit ihm führte und dem ich als unerfahrener
WAZ-Vertreter beiwohnen durfte. Ich sperrte vielleicht tatsächlich, aber
mindestens im übertragenen Sinn Augen und Ohren offen und saugte aus der
Technik, wie Wagemann das Gespräch führte, Honig.
Der spätere Theodor-Wolff-Preisträger
sagte einmal einer jungen Kollegin: "Geschichten liegen auf der Straße.
Immer wahrhaftig bleiben. Prüfe alles, was du hörst". Karl Wagemann,
kein Zweifel, war der bedeutendste Journalist, den ich in meinen beruflichen
Anfangsjahren kennen gelernt hatte.
Wir verloren uns aus den Augen. Er
wechselte zur NRZ Duisburg, ich nach Emmerich. Nur einmal trafen wir uns
Jahre danach wieder, und wie er so war: Er polterte liebenswürdig und mit
sarkastischen Zwischentönen los, durchtrieben von Humor.
In meiner Erinnerung an den inzwischen
verstorbenen Journalisten lächelte er bei dieser letzten, zufälligen
Begegnung.
Mit
einem etwas verunglückten Knüller hatte ich mich von
"meinen" Lesern in Walsum verabschiedet, und das kam so: Am Abend vor Silvester
wurde der Karnevalsprinz proklamiert - ein großes gesellschaftliches
Ereignis, bei dem der Name des neuen Prinzen erst gegen Mitternacht bekannt
gegeben wurde. Es war klar, dass keine
der drei konkurrierenden Tageszeitungen am nächsten Morgen den Namen im
Blatt haben konnte, weil der jeweilige Redaktionsschluss weit vor
Mitternacht lag. Dank meiner guten Beziehungen erreichte ich, dass mir die
Identität des Karnevalprinzen der Session 1969/70 vorher anvertraut wurde,
worauf ich einen Bericht von der Proklamation verfasste,
die noch gar nicht stattgefunden hatte.
Um meine Informanten vor dem berechtigten
Zorn der anderen Zeitungen zu schützen, verabredeten wir, dass ich die
Veranstaltung wie gewohnt besuchen und spät am Abend im Kreise meiner
Kollegen, die erst nach Neujahr berichten konnten, die Notlüge einfließen
lassen würde, für diesen speziellen Fall sei der WAZ-Redaktionsschluss weit nach
hinten geschoben worden.
Als ich am nächsten Morgen - es war der
letzte Tag des Jahres 1969 - aufwachte, fuhr mir ein entscheidender Fehler
meiner ansonsten vorzüglichen Berichterstattung über den neuen
Karnevalsprinzen siedend heiß in die Glieder: Ich hatte, schon ganz in
Gedanken an meine neue berufliche Aufgabe in Emmerich, schlicht und
ergreifend vergessen, die Abendveranstaltung, über die ich berichtet hatte, zu besuchen.
Fortsetzung
RP
EMMERICH
*
|