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M A R T I N
W I L L I N G
Unsere Zeitung im
Osten: SPREEaufwärts (4)
Erste freie
Wochenzeitung nach der Wende in Brandenburg
Der größte und schönste Tag war der 3.
Oktober 1990, der Tag der
Wiedervereinigung. Delia Evers und ich waren nach Fürstenwalde gereist
und erlebten am Tag vor dem großen Ereignis unsere Redaktionsräume als Taubenschlag: Pausenlos kamen und gingen
Besucher. Auf einmal stand ein guter Bekannter in der Tür: Jo Polfers,
der frühere Tuba-Spieler der Jazzband „Drakes of Dixieland“ in
Geldern, der bei einer Versicherung in Gütersloh arbeitete und Kontakte
„zum Osten“ knüpfte.
Und noch einer kam völlig überraschend: Alfons
Tönnissen aus Kleve, Kreisvorsitzender der CDU-Mittelstandsvereinigung,
der von dem früheren Vorsitzenden des Demokratischen Aufbruchs, Nis
Clason, zur Vereinigungsfeier nach Fürstenwalde eingeladen worden war.
Die Stadtverordneten von Fürstenwalde
traten - am Vortag der Wiedervereinigung - zu einer Festsitzung zusammen. Der Boden im Rathaus war frisch
gebohnert. Von ihrem Pressetisch aus beobachtete Delia Evers die Folgen:
Zuerst rutschte ein Abgeordneter der Deutschen Sozialen Union (DSU) aus
und legte sich flach. Ihm folgten je einer von CDU und SPD und zum Schluss
auch noch die Fraktionsführerin der PDS.
In der City sollte in die Nacht der Wiedervereinigung hinein gefeiert werden. CDU, Demokratischer
Aufbruch (DA) und Liberale, inzwischen fusioniert zur CDU, aber noch mit
erheblichen Unterschieden im Politikverständnis und in politischen
Ansichten ausgestattetet, versammelten sich zum Festschmaus und Tanz bei
bollernder Disco-Musik. Als wir eintrafen, saß dort bereits Alfons Tönnissen
und zog kräftig an seiner Pfeife. Bis auf Nis und Traudel Clason, die
mehrmals schon am Niederrhein und in Kleve gewesen waren, kannte Tönnissen
hier niemanden.
Die CDU-Kreisparteispitze ließ sich nicht blicken.
Animositäten schlummerten wohl im Verborgenen und brachen zuweilen auf; denn zu vorgerückter Stunde rief jemand, offenbar trotz
Fusion sich nicht als CDU-Mitglied fühlend, in den Saal, er wolle nun
demokratisch darüber abstimmen lassen, ob die CDU-Leute den Saal
verlassen sollten. Vielleicht hatte der Mann einen über den Durst
getrunken, aber irgendwie passte zu der merkwürdigen, nämlich nicht
vorhandenen Stimmung unter den rund 100 Gästen dieser Ausbruch.
Eine Minute vor Mitternacht, eine Minute vor der Einheit Deutschlands: In
dem Restaurant herrschte auf einmal wohltuende Stille. Die Disco-Musik war
verstummt. Wie zu Silvester wurden die Sekunden gezählt. Niemand saß
mehr, jeder hatte ein Glas Sekt oder Bier in der Hand. Als der Gong ertönte,
stießen wir an, sagten ein paar Worte. Aber um den Hals fielen sich die
Feiernden nicht.
Die einzige Rede an diesem Abend hielt jetzt die
Gastwirtin. Sie hatte nach 40 Jahren dieses Lokal zurückerwerben können
und machte mit frischen Worten den Anwesenden, fast alles
Kommunalpolitiker, Mut und forderte auf, die Ärmel hochzukrempeln. Jedem
Gast überreichte sie eine rote Rose.
In diesem Moment kam etwas Feierliches auf, aber schon wenige Minuten später
erinnerten sich etliche Gäste daran, dass es schon reichlich spät sei,
und gingen.
Am nächsten Morgen, am Tag der deutschen Einheit, trat der „Rat des
Kreises“ - der Begriff Kreistag war hier nicht geläufig - zu einer
Festsitzung zusammen. Abgespielt wurde nicht, wie zuvor von Bündnis 90
und den Grünen gefordert, die DDR-Hymne, um sich „würdig von der DDR
verabschieden“ zu können. Die Mehrheit im Kreistag hatte diese
Peinlichkeit verhindert.
Die Wiedervereinigung Deutschlands verlief dort, wo wir dabei waren, sehr viel
stiller und unfeierlicher ab, als die Bilder von Berlin auf den TV-Schirmen verbreiteten.
Nach dem ersten Jahr, in dem sich Angelika Martens - heute Lindner -
bereits mit großem persönlichen Einsatz zusammen mit Delia Evers und mir
für den Aufbau von SPREEaufwärts eingesetzt hatte, übernahm Angelika
federführend unsere Redaktion in Fürstenwalde. Das bisherige
Reihum-Verfahren für den jeweiligen Wocheneinsatz in der ostdeutschen
Kreisstadt wurde aufgegeben. Angelika Martens trug nun wochenlang ohne
„Heimaturlaub“ die Hauptlast der Arbeit in Fürstenwalde.
Ohne ihre
Bereitschaft, im Wesentlichen die Redaktionsarbeit zu leisten, hätten wir
SPREEaufwärts schon früher einstellen müssen. Delia Evers und ich
waren mit unseren Aufgaben als WEP Unternehmensberater in Berlin und als
Verantwortliche für das Kevelaerer Blatt am Niederrhein so stark
belastet, dass wir nach der Aufbauarbeit „im Osten“ unser persönliches
Engagement für SPREEaufwärts erheblich zurückfahren mussten. Zum Glück
fanden wir in Petra Kalisch, die in der Nähe von Fürstenwalde zu Hause
war, eine überaus aufgeweckte, sympathische Anzeigenakquisiteurin für
SPREEaufwärts. Die sich entwickelnde Freundschaft zwischen ihr und
Angelika Martens erleichterte unserer Kollegin vom Niederrhein den
Arbeitseinsatz in Fürstenwalde.
Weitere einheimische Mitarbeiter konnten wir weder für gutes Geld noch für
gute Worte finden. Mehrmals hatte ich Kontakt mit dem Inhaber einer
Druckerei in Fürstenwalde, der investieren und auf Offsetdruck umstellen
wollte. Ihn wollte ich dafür gewinnen, dass er SPREEaufwärts druckte,
damit der wirtschaftliche Aberwitz beendet würde, dass wir 50 Kilometer
östlich von Berlin eine Zeitung recherchierten, in Kevelaer setzten und
umbrachen, in Straelen druckten und dann ins 650 Kilometer entfernte Fürstenwalde
karrten. Und das jede Woche seit gut einem Jahr.
Ich schlug dem Drucker
sogar Mitfinanzierung der Druckmaschine vor und rechnete ihm aus, wie
lukrativ diese Investition sei und wie sicher, da er den Auftrag für ein
Wochen-Periodikum in der Tasche hätte. Der Mann kam, wie man am
Niederrhein sagt, „nicht in die Pötte“.
Weil vor Ort kein Personal und kein Drucker zu finden war, mussten wir im
Frühjahr 1991 die Entscheidung treffen, SPREEaufwärts mitten im Erfolg
aufzugeben. Es war den Kontakten von Angelika Martens zu verdanken, dass
wir die Zeitung Ende März an einen Nachfolger gut verkaufen konnten. Der
wandelte unsere Abo-Zeitung - unverständlicherweise - in ein kostenlos zu
verteilendes Anzeigenblatt („Wappen von Fürstenwalde“) um.
SPREEaufwärts,
der stolze Titel für die erste freie, unabhängige Wochenzeitung für
eine Kreisstadt in der
sich auflösenden DDR - ihn gibt es seitdem nicht mehr.
Mit der Ausgabe Nr. 13 vom 27. März 1991 verabschiedeten sich Angelika
Martens, Delia Evers und ich von unseren Lesern in Fürstenwalde. Wir
waren ihnen eine Antwort darauf schuldig, wieso eine Lokalzeitung, die mit
Einzelverkauf deutlich über 3.000 Exemplare jede Woche absetzte und trotz
der besonderen Umstände kostendeckend arbeitete, eingestellt wurde.
Im letzten Leitartikel
(„Abschied von Freunden“) erläuterten wir, dass es nicht richtig sein
könne, wenn wir auf Dauer mit Arbeitskräften vom Niederrhein und mit
enormen Aufwand eine brandenburgische Kreiszeitung produzierten, während die Leute
vor Ort reihenweise ihre Arbeitsplätze verlören. Unser Bemühen, im Raum
Fürstenwalde Mitarbeiter und Drucker zu finden, sei leider ohne Erfolg
geblieben.
Zum Schluss des Leitartikels hieß es: „Wir waren Ihnen,
liebe Leser, immer sehr nahe. Entlassen Sie uns bitte in Freundschaft!“
Jeder von uns war erleichtert, als die letzte Ausgabe von SPREEaufwärts
auf dem Markt war. Aber keiner von uns will seine Erfahrungen in den
ersten Monaten nach dem Mauerfall missen.
Fortsetzung
IN
DER POLITIK
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