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M A R T I N W I L
L I N G
Schweren Herzens
Die Zeit bei der
Rheinischen Post in Emmerich Meine
Karriere bei der "Rheinischen Post" in Emmerich begann im Januar
1970 mit einer possenreifen Peinlichkeit. Ich musste, kaum dass ich die
Aufgabe übernommen hatte, meinen neuen Arbeitgeber um eine Gehaltserhöhung
bitten, weil mein Gehalt bei der RP, das ich Ende des Monats erstmals
beziehen würde, um einen guten "Hunnie" niedriger lag als
mein bisheriges bei der WAZ.
Ich hatte mich bei den
Einstellungsgesprächen in Düsseldorf auf die Frage, was ich denn künftig
verdienen wollte, aus Versehen selbst unterboten. Zwar war mir Geld auf dem
Konto nicht unangenehm, aber im Kopf beschäftigte es mich nie
vordergründig. Nun musste ich Düsseldorf gegenüber kleinlaut eingestehen,
dass ich - durch meine dusselige Gehaltsforderung - bei der RP weniger
verdienen würde als vorher. Das sei wohl nicht im Sinne der Erfinder. Der
Verlag legte nach, und das Thema war erledigt.
Die
Redaktion befand sich in der Kaßstraße neben dem Kino, was sehr hilfreich
war, denn dort gab es, im Gegensatz zu den RP-Räumen, ein Klo. Ansonsten
war die technische Ausstattung auf der Höhe ihrer Zeit. In der Redaktion
stand sogar ein Fernschreiber, mit dessen Hilfe ich auch am Abend problemlos
Texte in die Setzerei des Gelderner Druckhauses Schaffrath übermitteln
konnte.
Bei meinem offiziellen Antrittsbesuch im
Rathaus klappte mir vor Staunen fast der Kiefer herunter. Kaum war ich mit
meinem grünen NSU Ro 80 auf den Parkplatz gerollt, kamen mir Bürgermeister
Franz Wolters und der legendäre Willi Pieper, die graue Eminenz am unteren
Niederrhein, entgegen und empfingen mich wie einen wichtigen Gast.
Das war
ich aus Walsum, wo ich mich mit Bürgermeister und Stadtdirektor eher
angelegt als angefreundet hatte, nicht gewohnt. Das kritisch-distanzierte
Verhältnis zu den Stadtoberen in Walsum hatte sie allerdings nicht daran
gehindert, zu meiner Abschiedsfeier zu kommen und mir eine kleine Wandtafel
mit dem Stadtwappen zu schenken.
"Trotz seiner Jugend", hatte
Georg W. Kruse, Chef der WAZ-Bezirksredaktion, in mein vom 31. Dezember 1969
datiertes Zeugnis geschrieben, "galt sein Wort, in Bericht oder
Kommentar, in der Kommunalpolitik ebenso wie im gesellschaftlichen Leben. Er
führte seine Feder mit Mut und ohne Rücksicht auf seine Person für die
Zeitung und für die Stadt Walsum". Vielleicht hätte das
der eine oder andere im Walsumer Rathaus auch unterschrieben.
Der Empfang auf dem Parkplatz vor dem
Emmericher Rathaus war der Beginn einer langen Freundschaft, die meine
dreieinhalbjährige Dienstzeit in der Stadt am Rhein überdauerte. Besonders
zu Willi Pieper, dem früheren Landtagsabgeordneten, Bürgermeister
von Emmerich und CDU-Kreistagsfraktionsvorsitzenden im neuen Kreis Kleve,
verband mich eine lebenslange Beziehung.
Willi
Pieper, Landtagsabgeordneter,
Bürgermeister, Kreistagsfraktionschef.
Ich achtete diesen Mann nicht nur,
sondern hatte ihn immer auch in meinem Herzen. Er war einer von drei Politikern
in meinem Berufsleben, mit denen ich mich geduzt habe.
Ende 2007 starb er im
gesegneten Alter von fast 90 Jahren. In der ersten KB-Ausgabe von 2008
schrieb ich über den "wohl profiliertesten Politiker niederrheinischer
Provenienz", der wenige Tage vor seinem Tod zum Ehrenbürger der Stadt
Emmerich ernannt worden war, ohne die Urkunde noch selbst in Empfang nehmen
zu können: "Seine Verdienste um das Gemeinwesen, die ein Buch füllen würden, kann man in einem Zeitungsartikel nicht angemessen würdigen. Zwei Punkte seien herausgegriffen: Da ist zunächst die Brücke zwischen Emmerich und Kleve. An ihrem Bau hatte Willi Pieper nicht nur großen Anteil - er ist der Vater der Rheinbrücke.
Und da ist die geistige Brücke zwischen den Regionen: Der Emmericher hat wie kein zweiter den neuen Kreis Kleve ans Laufen gebracht und ihn geformt und geprägt."
Anfang der 70er-Jahre, als Pieper den Höhepunkt seiner Popularität und seines öffentlichen Ansehens erreicht zu haben
schien, ließen Parteifreunde im Raum Wesel Querschüsse knallen. Innerparteiliche Konkurrenz scharrte mit den Hufen, denn Pieper, der „ewige“ Landtagsabgeordnete, sollte abgelöst werden.
Ich hatte Pieper und sein politisches Format inzwischen schätzen gelernt und beteiligte mich an dem publizistischen Feuer,
das auch von der RP-Kreisredaktion in Wesel gegen den Emmericher
abgeschossen wurde, nicht und trug manche betriebsinterne Diskussion mit
meinem Lokalchef in Wesel aus.
Nach seinem Abschied aus der aktiven Politik hatten
Pieper und ich über längere Zeit keinen Kontakt - bis jener Tag im Jahr 2003 kam, an dem er plötzlich in meinem Büro
stand. Er hatte sich von seinem Sohn nach Winnekendonk fahren lassen, um mir zum
60. Geburtstag zu gratulieren. „Ich hänge sehr am dem Buch“, sagte Willi Pieper, der Kunstliebhaber, als er mir einen Bildband über Henri de Toulouse Lautrec aus seiner Bibliothek schenkte.
Emmerich
war für den jungen Journalisten das schiere Kontrastprogramm zu Walsum, wo die NRZ mit Abstand die meisten
Leser hatte. Auch die Nummer zwei, die RP, war in
Walsum deutlich besser verbreitet als die WAZ, der ich, auf sehr schmaler
Leserbasis beginnend, mit kämpferischem Journalismus erst einmal
Aufmerksamkeit hatte verschaffen müssen. In Walsum hatte ich keine Gelegenheit
verstreichen lassen,
mich kritisch mit der städtischen Entwicklung der Bergarbeiterstadt und den politisch
Verantwortlichen auseinander zu setzen.
In Emmerich, der letzten deutschen Stadt am Rhein,
waren die Gewichte der Zeitungen anders verteilt. Hier standen sich mit RP
und NRZ zwei Konkurrenzblätter gegenüber, die in Bedeutung und Auflage
nicht wesentlich variierten. Die hohe Verbreitung in den so genannten
bürgerlichen Kreisen verschaffte mir nicht nur Gehör, sondern auch eine
neue Erfahrung: Meine journalistische Arbeit trug zum
öffentlichen Meinungsbild bei und wirkte sich dadurch auf die
Stadtpolitik aus.
Ich spürte mehr denn je die Verantwortung, die
diesem Beruf innewohnt, und war gerne bereit und fest entschlossen, mit ihr
sorgsam umzugehen. Dieses Bemühen um verantwortungsbewussten Journalismus
mag der wichtigste Grund dafür gewesen sein, dass Politiker aller
Fraktionen mir mit Achtung begegneten.
Der Konkurrenzkampf zwischen RP und NRZ in
Emmerich war sportlich, aber nicht verbissen. Mit Peter Ecke, dem etwas
älteren Kollegen von der Neuen Ruhr Zeitung, fühlte ich mich
geistesverwandt. Dass er sich seiner Kirche zugehörig fühlte,
verheimlichte er nicht. Auch zu Horst Boch, seinem freien Mitarbeiter, der
im Hauptberuf Bediensteter der Stadtverwaltung war, gewann ich ein fast freundschaftliches Verhältnis. Horst Boch übergab den
NRZ-Stenoblock
eines Tages an seine Frau Gaby, die von nun an für das Blatt schrieb.
Während Horst Boch Jahre danach hauptamtlicher Bürgermeister von
Emmerich wurde, stieg Gaby Boch ganz in den Journalismus ein und machte
Karriere. Seit langem leitet sie die NRZ-Kreisredaktion in Kleve.
Unsere Kontakte rissen nie ab. Als Delia
Evers und ich im Jahr 2007 den Entschluss gefasst hatten, das Kevelaerer
Blatt zu verkaufen, war es Gaby Boch, die wir zuerst informierten, woraus
sich die Verhandlungen mit der WAZ Mediengruppe und schließlich ihre
Übernahme des KB entwickelten.
Aber
noch war ich bei der "Rheinischen Post" in Emmerich. Eines Tages -
es war im Februar 1973 - rief mich der Chef vom Dienst, Horst Morgenbrod, an
und verabredete ein Treffen mit mir in Emmerich. Er eröffnete mir, dass ich
zum 1. Juli die Leitung der RP-Lokalredaktion für den Kreis Geldern
übernehmen solle.
Die Kreisstadt Geldern hatte ich in den
vergangenen Jahren häufig besucht, denn regelmäßig hatten die Redakteure
der bei Schaffrath gedruckten RP-Ausgaben Umbruchdienst zu leisten, um ihr
technisches Verständnis für das Zeitungsmachen zu schulen und die in
Geldern beschäftigten Umbruchredakteure zu entlasten.
Natürlich fühlte ich mich von der
Berufung zum Lokalchef geehrt, aber es konnte keinen Zweifel geben, dass ich
in den drei Jahren ein Emmericher geworden war, der nicht leichten Herzens
Adieu sagen konnte.
Gut zwei Monate nach meinem Wechsel nach Geldern verabschiedete
mich der komplette Emmericher Stadtrat - am 4. September 1973 - auf einer "Sondersitzung"
in den "Stadionterrassen". Mir wurde ein Bild des
heimischen Malers Hein Driessen geschenkt. Ich revanchierte mich, und dabei
hatte ich einen Kloß im Hals, mit dem Eingeständnis,
dass ich in Emmerich meine bisher schönste Zeit erlebt hätte.
Fortsetzung
RP
GELDERN
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