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M A R T I N W I L
L I N G
Der Nothelfer
Erste Erfahrungen
auf der Spurensuche
Kevelaer
war das beliebteste Sonntagsausflugsziel meiner Eltern. Sie hatten eine
besondere Beziehung zu dem Gnadenort, denn sie waren in der Marienbasilika
getraut worden. Ihre vier Kinder fuhren recht gerne mit, wohl hauptsächlich
wegen des pulsierenden Lebens auf der Hauptstraße, wo es soviel zu sehen
gab.
Sonntags durfte - im Wechsel - eines der
Kinder den Vater begleiten, wenn er seine Eltern in Kamp besuchte. Das war
jede Woche der Fall, und immer begann der Tag mit der heiligen Messe in der
Klosterkirche.
Die Platzangst meines stark beleibten
Großvaters, die er in etwas abgeschwächter Form meinem Vater vererbt
hatte, machte aus Beiden sonderbare Kirchbesucher: Während mein Opa keine
Messfeier durchhalten konnte und sich schließlich auch nicht mehr in Gefahr
begab, blieb mein Vater in der Klosterkirche immer hinten links, nahe dem
Ausgang, stehen. Und kaum hatte der Priester den Schlusssegen erteilt,
tippte mein Vater auf die Schulter des Flilius und hastete nach draußen.
An einem dieser Sonntagvormittage in Kamp
war auch der Abt von Kloster Kamp zugegen, der sich eine gewaltige Zigarre
schmecken ließ. Jahre später verstand ich die engere Beziehung zwischen
meinem Großvater und der katholischen Kirche. Bernhard Willing, so hieß
er, war es eine Freude und ein Anliegen gewesen, seiner Kirche zu helfen,
und dazu hatte er als wohlhabender Bauunternehmer in der Nachkriegszeit
viele Gelegenheiten genutzt.
Er
war es auch, der das erste Wohnhaus
meiner Eltern in Moers an der Uerdinger Straße baute, das mein Vater, ein
junger Arzt mit noch bescheidenen Einkünften, erst später abbezahlen
musste.
Schräg gegenüber meinem Elternhaus stand
ein dunkler Backsteinbau, der der
katholischen Kirchengemeinde St. Josef gehörte. Hier wohnten die Kapläne
der Pfarrei. Hinter einer Mauer duckte sich ein flacher Anbau der Kaplanei,
den man über einen Seiteneingang erreichte, und zwar von der Abteistraße
aus, einer notdürftig befestigten Wohnstraße, die von der Uerdinger
Straße abzweigte.
Generationen von Gymnasiasten kannten
diesen Seiteneingang und den Jugendraum
entlang der Mauer. Hier trafen sich die Jungen, die dem Bund Neudeutschland
angehörten. ND-Mitglied zu sein, war für viele katholische Gymnasiasten
und natürlich auch für mich im evangelisch geprägten Moers fast eine
Zwangsläufigkeit. Alternativen gab es nicht. Sie wurden auch nicht
vermisst, denn was sich im Gruppenleben der NDer an den wöchentlichen
Heimabenden und in den Zeltlagern während der Ferien abspielte, war nicht
weniger reizvoll als das, was Pfadfinder erlebten, und dass es beim ND
mitunter "recht katholisch" zuging, wurde von den Jungen durchaus
nicht als unangenehm empfunden.
Es lag sicherlich nicht am ND, dass ich
mehr und mehr meine eigenen Wege suchte. Während meine Eltern mit der
Familie während der Schulferien zum Schwarzwald oder zur Nordseeinsel
Baltrum aufbrachen, machte ich mich immer häufiger selbstständig. Meine
erste große Reise auf eigene Faust unternahm ich mit 15. Für sechs
Ferienwochen verabschiedete ich mich von zu Hause.
Mit
wenig Geld in der Tasche und vielen Maggi-Würfeln im Rücksack, dazu ein
paar Klamotten zum Wechseln und einem winzigen, aus zwei Bahnen bestehenden
Armee-Zelt, brach ich nach Frankreich auf, zunächst in Begleitung eines
Klassenkameraden.
Wir arbeiteten uns per Autostopp Kilometer
um Kilometer vor und wollten Frankreich gegen den Uhrzeigersinn umrunden.
Gemeinsam kamen wir bis Bayonne an der Atlantikküste kurz vor der
spanischen Grenze. Was immer es zu feiern gab - ganz Bayonne war ein
Stadtfest mit Bühnen auf den Plätzen. Höhepunkt des fünftägigen Festes
war, aber das wussten wir vorher nicht, das Freilassen junger Stiere, denen
sich die ganz Mutigen oder völlig Verrückten entgegen warfen. Wir zogen es
vor, wie geölte Blitze Verkehrsschilder zu erklimmen.
In einer dieser Nächte - es ging schon auf
den Morgen zu - streifte ich durch die ruhig gewordene Stadt und sah auf
einer überdachten Bühne ein Klavier stehen. Es war nicht abgeschlossen,
und als ich darauf spielte, warfen die nachtschlafenden Häuser das Echo
zurück. Erst später wunderte ich mich darüber, dass niemand aufgetaucht
war, um mich zu verhaften.
In
dieser Nacht verlor mein Klassenkamerad einen Teil seiner Barschaft. Normalerweise
pennten wir in unserem winzigen Armeezelt irgendwo am Stadtrand, aber
diesmal waren wir in einer kleinen Parkanlage geblieben, wo sich mein
Begleiter auf einer Bank zum Schlafen gelegt hatte. Als ich am frühen
Morgen nach meinem "Klavierkonzert" zu ihm stieß, fand ich ihn in
heller Aufregung vor. Ein geschickter Dieb hatte ihm, offenbar mit einer
Rasierklinge, während des Schlafes die Gesäßtasche aufgetrennt und das
Portemonnaie geklaut.
Zu allem Ärger bemerkte ich jetzt, dass
eine der beiden Zeltbahnen, und zwar die, für die ich die Verantwortung
hatte, verschwunden war. Das Zelt war nicht mehr aufzubauen, und eine Plane
reichte nicht für uns beide. Die Stimmung sank auf den Tiefpunkt. Mein
Begleiter wollte auf dem schnellsten Weg nach Hause. Wir einigten uns
darauf, dass er die verbliebene Plane haben könne.
Während er auf der Rückreise, wie ich
später hörte, mit unwahrscheinlichem Tramperglück gesegnet wurde,
nämlich mit nur drei oder vier Stopps von Südfrankreich bis zum
Niederrhein mitgenommen zu werden, stand ich mir auf kleinen Bergstraßen in
den Pyrenäen die Beine in die Bauch, bis ich endlich das Ortsschild jener
Stadt vor mir sah, die ich unbedingt noch sehen wollte: Lourdes.
Ich
übernachtete vor den Toren der Wallfahrtsstadt abseits einer Straße, wo
hohes Gras stand. Bevor ich mich in meinen Schlafsack verkroch, kochte ich
mir auf einem kleinen Benzin-Campingkocher ein Maggi-Süppchen. Inzwischen
musste ich meine Vorräte und mein Geld rationieren. Für mehr als ein
frisches Baguette am Tag und eine Schachtel Zigaretten - an den Geschmack
der Gauloises mit Maispapier hatte ich mich gewöhnt - reichte meine
Barschaft nicht, und ich hatte noch viele Reisetage vor mir.
Am nächsten Morgen führte mich mein
erster Gang zu einer öffentlichen Toilettenanlage, wo ich mich wusch und
mein Hemd wechselte. Das Spiegelbild ließ mich erschrecken, denn ich hatte
noch nicht bemerkt, dass mein Gesicht nach dem nächtlichen Kampf gegen die
Mücken regelrecht deformiert war. Seit dieser Erfahrung achtete ich beim
Übernachten im Freien darauf, dass mein Gesicht mit einem Hemd bedeckt war.
Nach einem kargen Frühstück
- den Kaffee ersetzte in der Regel ein Schluck aus der Pulle mit
Kranenburger - begab ich mich in den heiligen Bezirk der marianischen
Gnadenstätte. Mein kleines Reisegepäck hing auf dem Rücken, und meine
Erscheinung war inzwischen so zivilisiert, dass mich der Wächter an einem
der Eingangstore durchließ, ohne mich ernsthaft in Augenschein zu
nehmen.
Ich ging in die unterste der drei über
einander gebauten Kirchen im heiligen Bezirk, wo gerade eine heilige Messe
begonnen hatte. Es war mein erster und einziger Gottesdienst während der
Frankreich-Reise. Er blieb wie ein Lebenspfeiler in meinem Gedächtnis
haften. Bei jedem meiner späteren Lourdes-Besuche setzte ich mich auf die
letzte Bank in dieser Unterkirche, auf der ich als 15-Jähriger zum ersten
Mal gesessen hatte.
Ich verließ Lourdes mit zwei vollen
Wasserflaschen. In der einen war normales Trinkwasser, in der anderen Wasser
aus der Gnadenquelle links neben der Erscheinungsgrotte. Ich wollte es
meiner Mutter mitbringen. Aber das gelang mir nicht.
In der Camarque, wo ich nach einem
Kurzbesuch Avignons hoffnungslos in der Wildnis hängen blieb und zwei oder
drei Tage lang kein Auto für den Tramper stoppte, ging mir das Trinkwasser aus. Ich ließ
schließlich zu, dass das geweihte Wasser diese Notsituation heilte.
Die
Reise endete nicht so, wie ich es mir gewünscht hätte. Nach
etlichen Tagen war Freiburg erreicht. Ich war des Trampens leid
und wollte auf dem schnellsten Weg nach Hause. Aber ich konnte die Fahrkarte
vom Schwarzwald bis zum Niederrhein nicht bezahlen. Im Bahnhof von Freiburg traf ich einen jungen
Mann. Wir kamen ins Gespräch, und ich erzählte ihm davon, dass mein Geld
nicht reichte.
Er holte einen Zehn-Mark-Schein hervor und
sagte, ich könne ihm das Geld später wiedergeben. Dankbar nahm ich das
Angebot an, notierte mir seine Adresse auf einen Zettel, ging zum Schalter,
legte meine Barschaft auf den Teller und bekam dafür eine Fahrkarte bis
nach Köln. Dort, so verabredete ich in
einem Telefonat mit meinen Eltern, würde mich mein Vater mit dem Auto
abholen.
Ich verabschiedete mich von dem
hilfsbereiten jungen Mann, dankte ihm noch einmal für sein Vertrauen, und
rollte der Heimat entgegen.
Als ich zu Hause auspackte, stellte ich
fest, dass ich den Zettel mit dem Namen und der Adresse des Nothelfers
verloren hatte.
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